Lebensfrage: „Sind die Gäste wichtiger als wir?"
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Bäuerin:
Mein Mann und ich arbeiten sehr viel, auch am Wochenende.
Wir betreiben neben der Landwirtschaft noch „Urlaub am
Bauernhof“ und haben oft Feriengäste. Oft auch an den
Feiertagen. Da bleibt wenig Zeit für unsere Kinder. Die Kinder
sind deswegen oftmals traurig und fühlen sich zurückgestellt.
Neulich sagte unsere Achtjährige: „Die Gäste sind immer wichtiger
als wir.“ Das schmerzte mich sehr. Wie können wir Kinder
und Arbeit unter einen Hut bringen? Wir brauchen doch auch
das Geld …
Beraterin Erika Trampitsch:
Dass eine gewisse Wirtschaftlichkeit
existenziell wichtig
und notwendig ist, das ist
klar – man lebt ja auch davon.
Aber im gesunden Maße sollte
das Leben und Arbeiten am Hof
stattfinden. Es geht recht rasch
unter, dass man selbst auch
Mensch ist, mit eigenen Bedürfnissen
– und diese haben
auch Kinder. Auf Betrieben mit
dem zusätzlichen Standbein
„Urlaub am Bauernhof“ ist es
ebenfalls eine große Herausforderung,
darauf zu achten, dass
das Beziehungs- und Familienleben
nicht zu kurz kommt.
Ich weiß nicht, wie hoch Ihr
Engagement den Gästen gegenüber
ist. Meine Erfahrung
zeigt, dass sich die Gastgeber
oft einen großen Druck machen,
was sie den Gästen nicht
alles „zu bieten hätten“. Für
die Gäste Angebote zur Verfügung
zu stellen, die deren
Urlaub bereichern – das ist gut
so. Die Gäste kommen wieder,
manche über viele Jahre.
Das zeigt einem, dass das
Angebot stimmig ist und gibt
einem Anerkennung und Bestätigung
– das ist das eine. Das
andere ist: Die Gefahr, dass
man als Familie und auch in
der Partnerschaft „auf der Strecke“
bleibt, ist eine sehr große.
Die eigene Familie sollte oberste
Priorität haben. Ein Überengagement,
immer offene Türen
im Haus für den Gast, lassen
die Grenze zwischen Beruf
(Gäste) und Privatem (Familie)
recht schleichend verschwimmen.
Ein kleiner Denkanstoß:
Auch Gäste sind eigenverantwortliche
Menschen. Um alles
müssen sich die Gastgeber
nicht bemühen. Es gibt in
den Orten Tourismus-Büros,
wo man jede Menge an Informationen
zu Aktivitäten und
Veranstaltungen bekommt.
Ein Teil der Gäste macht am
Land Urlaub, um zu entschleunigen,
die Ruhe zu genießen,
aufzutanken ... und das ist
schon so viel. Sie könnten versuchen,
Ihre Alltagsstruktur
neu zu überdenken und mutig
(ohne Ängste vor Gästeverlust)
sich selbst und Ihrer Familie
die eine oder andere Auszeit
zu gönnen – und das wohlverdient!